17.10.2018

Beton und Eisen

Aus BtV

Wechseln zu: Navigation, Suche

In der Zeitschrift Beton und Eisen. Internationales Organ für Betonbau wurde im Weihejahr 1915 von Diplom-Ingenieur Emanuel Haimovici, dem Oberingenieur und Prokuristen der Leipziger Firma Max Pommer Eisenbetonbau, ein Artikel über den Lützschenaer Bismarckturm veröffentlicht.

Der Bismarckturm bei Leipzig
Von Dipl.-Ing. Em. Haimovici, Oberingenieur und Prokurist der Fa. Max Pommer, Eisenbetonbau, Leipzig

Der den Beschauer durch einfache, aber wuchtige Flächenformen fesselnde, wie aus einem gewaltigen Steinblock scheinbar herausgemeißelte Turm ist, wie eine nähere Betrachtung erkennen lässt, keineswegs aus kostbaren oder fremden Bausteinen erbaut, sondern aus dem der Umgebung entnommenen Sand und Kies, welcher in zweckmäßiger Weise mit Zement und Wasser zu Beton verarbeitet wurde. Letzterer wurde in Verschalungsformen, die die inneren und äußeren Umrisse des Turms begrenzten, zwischen in die darin gebildeten Hohlräume aufgestellten, für die Standsicherheit notwendigen starren Rundeisengerippe eingebracht und festgestampft, so dass der Turm in dem neuzeitlichen, wetterbeständigen, unbedingt feuersicheren, jeglichen Belastungen und Beanspruchungen standhaltenden Verbundstoff „Eisenbeton“ errichtet ist.

Die Ansichtsflächen des Turmes wurden zugleich mit den Betonierungsarbeiten mit einer besonderen Betonvorsatzmasse aus fein gesiebtem Naunhofer Sand oder aus einer künstlichen Muschelkalkstein-Mischung (letztere nur für die Innenornamente, die Freitreppe und das Portal) versehen und nach Entfernung der Verschalungsformen und nach genügender Erhärtung des Betons steinmetzmäßig bearbeitet.

Der Turm besteht aus drei aufeinander stehenden, nach oben sich verjüngenden Turmschäften:

a. der Unterschaft, der zum Teil in den Berg hineinragt, ist von quadratischer Grundrissform von 11,40 m äußerer Seitenlänge und 10,20 m Höhe von der Oberfläche des gewachsenen Bodens bis zur Hügeloberfläche gemessen;

b. der Mittelschaft ist ebenfalls von quadratischer Grundrissform, jedoch mit stark abgerundeten Ecken, er weist 8,70 m äußere Seitenlänge und 12,45 m Höhe auf;

c. der Oberschaft verjüngt sich auf 5,70 m äußere Seitenlänge mit ebenfalls stark abgerundeten Ecken und besitzt eine Höhe von 8,10 m bis zur Oberkante der diesen bekrönenden, gusseisernen, 2 m im Durchmesser großen Feuerschale. Der ganze Turm ist hiernach 30,75 m hoch.

Von besonderem Interesse ist die Gründung des Turmes, die entgegen der sonst bei ähnlichen Bauwerken üblichen durchgehenden Plattengründung in Einzelgründungen der die Gedächtnishalle tragenden acht Pfeiler aufgelöst wurde.

Vor dem Turmeingang ist ein 5 m breiter und etwa 30 m langer Vorplatz, der nach dem Turm führenden Straßenbreite entsprechend, angeordnet. Der Vorplatz liegt 1,45 m über der Straßenoberfläche. Dieser Höhenunterschied wird durch eine 7,65 m breite Freitreppe mit acht Stufen überwunden. Links und rechts der Freitreppe wird der Vorplatz durch eine in Vorsatzmaterial hergestellte Brüstung zwischen zehn Postamenten begrenzt, die von zehn 1 m im Durchmesser großen Kugeln bekrönt sind.

A. Im Unterschaft befindet sich die im Lichten 7,40 m im Geviert messende und 8,75 m im Lichten hohe Ehren- und Gedächtnishalle, in welcher die 1,30 m hohe bronzene Bismarckbüste auf einem 2 m hohen marmornen Postament aufgestellt ist. Die Umfassungen der Ehrenhalle werden von acht kräftigen Eisenbeton-Wandpfeilern begrenzt, die den Mittelschaft tragen. Zwischen diesen Pfeilern sind 20 cm starke Eisenbetonwände angeordnet, die in den vier Hallenecken vorspringende Eckpfeiler bilden, zwischen welchen wiederum vier Gurtbögen sowie die flachgewölbte Kuppeldecke spannen, die Halle nach oben abschließend. In der Mitte der oberen Wölbdecke ist ein 2,70 m im Geviert messendes Oberlichtfenster, welches in buntbemalter Kunstverglasung das Symbol des Eisernen Kreuzes und das Kreuz Christi vereinigt.¹

Die etwa 10 cm starke Wölbdecke und Gurtbögen sind an die eigentliche Eisenbetondecke des Unterschaftes, die zugleich den Fußboden des Mittelschaftes und des ersten Rundganges in Höhe der Hügeloberfläche bildet, angehängt, sie sind demnach nur scheinbar tragend.

Die Eckpfeiler sind in etwa 4,10 m Höhe vom Hallenfußboden von vier je 75 cm hohen Löwenköpfen nebst Wappen der Stadt Leipzig bekrönt, zwischen welchen Simsgliederungen an den Umfassungen entlanggeführt sind. Die hintere halbkreisförmige Nischenwand um die Bismarckbüste wird oberhalb derselben von einer reich verzierten Muschel bekrönt, ebenso ist die hintere Stirnwand im Anschluss an die Muschel und flutrecht mit dem an diese anstoßenden Wandpfeiler stehend, von einfach profilierten Kassettenfeldern nebst Rosetten geschmückt. Alle diese Bekrönungen sind zugleich mit den Betonierungsarbeiten in Negativ-Gipsmodellen in der anfangs erwähnten Vorsatzmasse hergestellt und die Ansichtsflächen nach Abschlagen des Gipses steinmetzmäßig bearbeitet.

Der Fußboden der Gedächtnishalle besteht aus halbgeschliffenen Solnhofer Platten, die in Zementmörtel auf einer vorherig hergestellten Eisenbetonplatte verlegt sind.

Die Wand- und Wölbflächen sind in Zementmörtel geputzt und mit Zementmilch gestrichen. Die Wandflächen sollen später zur Aufnahme von Gedenktafeln für die im Kriege gefallenen Helden, die in der Amtshauptmannschaft Leipzig ansässig waren, dienen.

In den zwischen den 65 cm starken Umfassungen der Gedächtnishalle und 35 cm starken äußeren Umfassungen des eigentlichen Unterschaftes entstandene 1 m breite Luftzwischenraum sind gleich hinter dem durch Profilierung gezierten, ebenfalls in Vorsatzbeton hergestellten Portal, die nach dem Mittelschaft bzw. nach dem ersten Rundgang und zur Hügeloberfläche führenden Treppenaufgänge angeordnet.

Und zwar ist rechts eine Treppe zum Aufgang und links eine solche zum Abgang, bestehen aus je vier Läufen mit je 13 Stufen und dazwischen liegenden Ruhepodesten in Eisenbeton hergestellt. Die Belichtung der Treppen findet statt einerseits unmittelbar durch die in den äußeren Umfassungen angeordneten Fenster, darunter zwei 1,50 m im Durchmesser große achteckige Fenster. Diese, ebenso wie das die Halle abschließende Oberlicht sind in buntbemalter Kunstverglasung ausgeführt, das eine das Wappen Bismarcks und das andere das Reichswappen darstellend, andererseits indirekt durch das Oberlicht der Gedächtnishalle und die in deren Umfassung zweckmäßig angeordneten, von schmiedeeisernen Gittern abgeschlossenen Durchbrechungen.

Die Haupteingangstür ebenso wie alle übrigen Türen der oberen Schäfte sind in bestem Eichenholz als zweiflügelige Türen mit schmiedeeisernen Beschlägen hergestellt, sie sollen später gegebenenfalls noch mit Messing oder Bronze beschlagen werden.

Der erste 1 m breite Rundgang oberhalb des Unterschaftes wird von einer 1 m hohen und 20 cm starken Eisenbetonbrüstung begrenzt.

B. Der Mittelschaft mit seinen 65 cm starken Umfassungspfeilern bzw. 30 m starken Wandungen weist keinerlei besondere Innenarchitektur auf. Die Wände sind einfach geschlemmt und geweißt. Die Belichtung des Raumes findet durch die oberen und unteren Seitenfenster sowie durch die Türoberlichter statt. Zur Besteigung des Turmes nach dem zweiten Rundgang dient die aus den Umfassungen herausragende 1 m breite Eisenbeton-Freitreppe, welche aus sechs Läufen mit fünf Ruhepodesten und zusammen 72 Steigungen besteht. Von besonderem Interesse ist der oberste Lauf, der im Turm freihängend von einer Wand zur gegenüberliegenden spannend konstruiert ist.

Den Abschluss des Mittelschaftes bildet eine Eisenbetondecke mit vier sich kreuzenden Balken, auf welchen die Umfassungen des Oberschaftes ruhen. Diese Decke dient zugleich als Fußboden des Oberschaftes und des zweiten 1 m breiten Rundganges, der ebenso wie der erste Rundgang von einer 1 m hohen und 20 cm starken Eisenbetonbrüstung begrenzt ist.

C. Der Oberschaft mit seinen nur 25 cm starken Umfassungen ist innen und außen ebenso einfach behandelt wie der Mittelschaft. Zur Besteigung der obersten Plattform dient eine an der Wand gelenkartig befestigte, mit Handgriff versehene schräg einzustellende Schiebeleiter von 5,35 m Höhe, von da ab führen fünf an der Wandaußenseite befestigte Steigeisen zu der anfangs erwähnten Feuerschale

Die Entwässerung des Turmes erfolgt durch in den Umfassungen einbetonierten Tonröhren, die in die künftigen Schleusen einmünden.

Bezüglich der Standsicherheit des Turmes ist zu bemerken, dass dieser bei Berücksichtigung der ungünstigen Belastungsannahmen durch Wind und Erddruck unter alleiniger Hinzuziehung des Turmeigengewichts eine zweifache Sicherheit gegen Kippen aufweist.

Für die waagerechten vom Winddruck mit 125 kg/m², vom Erddruck mit 1.600 kg/m³ und für die lotrechten vom Eigengewicht 2.400 kg/m³, vom Menschengedränge mit 450 kg/m² herrührenden Belastungen sind die Umfassungen, Decken, Balken, Pfeiler und Treppen den statischen Anforderungen und amtlichen Bestimmungen entsprechend (rahmenartig bzw. kontinuierlich ausgebildete Wand- bzw. Deckenplatten und kreuzweise spannende Decken und Unterzüge) bemessen und mit den aus den Abbildungen ersichtlichen Rundeiseneinlagen versehen.

Hierbei wurde der im Mischungsverhältnis 1 : 5 hergestellte Beton mit einer Biegungs- oder Druckspannung bis zu 40 kg/cm² und das Eisen mit einer Zugspannung bis zu 1.200 kg/cm² und einer Druckspannung bis zu 600 kg/cm² in Anspruch genommen. Der Erdboden wird ungünstigsten Falles mit 3 kg/cm² gepresst.

Die gesamten Bauarbeiten des Turmes einschließlich der unter äußerst ungünstigen Regenverhältnissen zu bewältigenden Erdmassen und schwierigen Absteifungen des Hügels vor Einbau des Turmes, sowie einschließlich des Auf- und Abtragen der Erdmassen zur Herstellung der links und rechts vom Turm nach der Hügeloberfläche führenden Wege nahmen seit der Grundsteinlegung am 1. April 1914 die Dauer von rund 200 Arbeitstagen in Anspruch. Mit dem Tage der Einweihung des Turmes am 1. April 1915 ist er in Schutz und Pflege des Rates der Stadt Leipzig gegeben worden.

Die gesamte Ausführung bis zur schlüsselfertigen Übergabe lag in Händen der Fa. Max Pommer, Eisenbetonbau, Leipzig.

Zum Schluss sei erwähnt, dass die äußere Architektur dem seinerzeit preisgekrönten Entwurfe des Herrn Architekten Hermann Kunze, Leipzig, entstammt. Um die übrige Ausgestaltung des Turmes, insbesondere der Gedächtnishalle, des Vorplatzes und der gärtnerischen Anlagen des angeschütteten Hügels haben sich das Hochbauamt des Rates der Stadt Leipzig unter Leitung des Herrn Oberbaurat Scharenberg und unter Mitwirkung des Herrn Stadtbauinspektor Bischoff sowie Herr Gartendirektor Hampel ehrenvolle Verdienste erworben, darum sei diesen Herren auch an dieser Stelle besonderer Dank gezollt.

¹ Bezüglich der geschichtlichen Entstehung des Bismarckturmes, der Platzfrage für das Denkmal, des Wettbewerbs zur Erlangung eines geeigneten Entwurfes, ferner der an der Ausschmückung des Turmes mit hochherzigen Stiftungen und Gaben beteiligten Herren sowie der Grundsteinlegung und der Weihefeier sei auf die vom Ausschuss zur Errichtung eines Bismarckturmes bei Leipzig herausgegebene Schrift „Der Bismarckturm“ besonders hingewiesen.

² Zur Erzielung eines wirkungsvollen Leuchtfeuers werden besonders hergestellte Feuertöpfe mit ringförmigem Querschnitt verwendet, die in die Feuerschale dicht nebeneinander gestellt werden. Die zur Füllung benutzte Flüssigkeit besteht aus einer benzinhaltigen Pechmischung.

Beton u. Eisen. Internationales Organ für Betonbau. 14. Jahrgang 1915. Heft 11, 3. Juli.